Zum Gedenken: Thure von Uexküll als Forscher

Karl Köhle
anlässlich der DKPM-Tagung am 18. März 2005 in Dresden
   
       

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1908-2004

Liebe Marina, liebe Kolleginnen und Kollegen,

um diese Jahreszeit hielt sich Thure von Uexküll gerne im Engadin auf.

In Nietzsches Tal genoss er die Gegenwart. Einmal, während eines Abendspaziergangs, - wir hatten über seinen Traum von einem durchgängig semiotisch konzipierten Lehrbuch gesprochen - begann er darüber nachzusinnen "was bleibt?".

Erkennbar empfand er Charles Peirces Äußerung zur Unsterblichkeit, zur sozialen Verkörperung des spirit einzelner als ein Angebot, das er in seinem Konzept als "Passung" bezeichnet hätte. Sein zentrales Anliegen war die Tradierung eines two-men-spirit, der Tradierung der von seinem Vater und ihm während eines Jahrhunderts erarbeiteten Beiträge zur Humanbiologie.

Videointerview: „Wir hatten das große Glück, dass uns unser Vater schon als Kinder klar gemacht hat, dass die Welt für den Regenwurm anders aussieht als für den Hund und für den Hund anders aussieht als für den Menschen. Und wenn man das schon von früh auf sich klar macht und versucht, im Umgang mit Tieren und mit anderen Menschen sich daran zu er-innern, dann ist das ein großer Vorteil, den man vor seinen Mitschülern und später vor seinen Studenten und schließlich auch vor seinen Kollegen voraus hat. Mein Vater war Biologe, eigentlich Zoologe, aber er hat sich im Wesentlichen um die Probleme des Lebens überhaupt gekümmert. Und mich hat es schon fasziniert herauszubekommen, was die Forschungen und die Ergebnisse, die er gefunden hat, für die Medizin und für den Menschen bedeuten.“

Voraus war Thure tatsächlich: Er wusste sich sicher in einem Feld zu bewegen, das noch nicht bezeichnet und unterteilt war.

Erst viel später erfuhr er erstaunt, dass er schon avant les lettres „Konstruktivist“, „Systemtheoretiker“ und „Semiotiker“ geworden war.

Für das Verständnis von Kranken erweiterte er das ökologische Modell seines Vaters, den "Funktionskreis" zum "Situationskreis"-Konzept. Durch die Einschaltung von Vorstellung und Phantasie, durch unsere Fähigkeit, die Welt mittels Zeichen zu repräsentieren, vermögen wir aus der Zwangsläufigkeit fest programmierter Funktionskreise, aus dem zyklischen Verlauf von Bedürfnis geleiteter Wahrnehmung zu Bedürfnis befriedigendem Handlungsvollzug herauszutreten.

 

Viele von Ihnen werden Thure von Uexküll erst als Emeritus oder durch seine Arbeiten zu theoretischen Grundfragen unseres Faches, nicht mehr als empirischen Forscher kennen gelernt haben. Während seiner Zeit als Kliniker war sein Interesse an konkreten Forschungsfragen seiner Freude an der Synthese jedoch durchaus ebenbürtig.

Aus der Vielzahl seiner Projekte wähle ich Untersuchungen zum Blutdruckverhalten im situativen Kontext aus; Thure hätte zuletzt von „Abwärts“- und evtl. auch von „Aufwärtseffekten“ im biopsychosozialen System gesprochen. Schon immer an innovativer Technik interessiert, ließ er zunächst nach eigenem Entwurf ein Messgerät bauen. Mit dem "Custocor" konnte er erstmals Blutdruckwerte automatisch in vorgewählten Zeitabschnitten registrieren und - mit Hilfe einer Tastatur - weitere Ereignisse, z. B. Äußerungen während eines Gespräches markieren. In Ulm hat er das Gerät noch eingesetzt. Mich hat beeindruckt, wie selbstverständlich er dabei Forscherneugier mit Fürsorglichkeit gegenüber den Patienten zu verbinden wusste.

Soziale Verkörperung braucht Mitarbeiter. In Gießen waren u. a. Manfred Pflanz, in Ulm Johannes Groen, Thures engere Arbeitsgruppe und Rolf Adler beteiligt.

 

In einer Gefahrsituation steigt der Blutdruck im Zusammenhang allgemeiner Aktivierung bzw. einer Bereitstellungsreaktion an; hier bei Studierenden während des medizinischen Staatsexamens.

 

Auch bei Patienten mit essentieller Hypertonie beobachtete Thure situativen Blutdruckanstieg, so bei einer Patientin, die über die Vertreibung aus ihrer Heimat bei Kriegsende berichtete oder bei einer Psychiatrie-Schwester, während sie auffallend emotionsfrei davon erzählte, wie sie nachts von einem Patienten überfallen wurde. Wie komplex die Zusammenhänge zwischen psychischer Verarbeitung von Belastungen einerseits und Sprach- sowie Blutdruckverhalten anderseits sind, zeigte Thures Arbeitsgruppe zehn Jahre später in auch international beachteten Symptom-Kontextanalysen während fortlaufender blutiger Druckmessung.

Auch die erst später so benannte "Weißkittel-Hypertonie" entdeckte der Blick des Konstruktivisten früh. Die durchschnittlichen Blutdruckwerte, die 10 Assistenzärzte der Giessener Poliklinik während eines Jahres bei ihren Patienten gemessenen hatten, unterschieden sich systematisch. Offensichtlich prägten die Ärzte während der Interaktion mit ihren Patienten die von diesen erlebte Situation mit.

Situativer Blutdruckanstieg - gelegentlich bis zur Blutdruckkrise - hatte sich im Verlauf dieser und weiterer Studien als klinisch bedeutsam und medikamentös nicht ausreichend behandelbar erwiesen. Als Konsequenz hat Thure in Ulm eine Ambulanz für Hochdruckkranke mit integrativem Therapiekonzept eingerichtet. In erstaunlichem Maße gelang es dort, vorher sog. "nicht einstellbare" Hypertoniker erfolgreich zu behandeln. Eine Voraussetzung hierfür war auch, dass die Beobachter ihr eigenes Verhalten als Beobachter reflektierten: Ärzte und Psychologen dieser Arbeitsgruppe nahmen bei Wolfgang Loch an einer Balintgruppe teil.

In Köln versuchen wir in dieser Tradition psychophysiologisches Verständnis an unsere Studierenden weiterzugeben. Im "Pflichtpraktikum Physiologie" imaginieren Hoch- und Niedrig-Prüfungsängstliche das bevorstehende Physikum. "Am eigenen Leibe" können sie sehen, wie Körperfunktionen von ihren Kognitionen, von der Bewertung des Verhältnisses von situativer Anforderung zu eigenen Ressourcen abhängen.

Hoch-Prüfungsängstliche schätzen sich in dieser Situation als besorgter, hilfloser und weniger zuversichtlich ein als Niedrig-Prüfungsängstliche. Nur bei ersteren steigen Herzfrequenz und Blutdruck während der Prüfungsimagination signifikant an.

Was bleibt?

Was bleibt für uns, die wir uns in einer Situation befinden, die Hegel als "empfangene Verlassenschaft" bezeichnet hat?

Thure hat immer betont, der Mensch sei von Natur ein „geschlossenes System". Er wusste, wie mühsam es daher ist, komplexe Konzepte erfolgreich zu kommunizieren. Bis zuletzt hat er intensiv für diese Weitervermittlung gearbeitet.

 

Wir bleiben mit ihm - wie mit anderen Großen - verbunden, wenn wir seine Konzepte benutzen. Für den Semiotiker sind Konzepte eine Untergruppe von Zeichen, von Symbolen. Symbole haben die Fähigkeit zu wachsen und sich - einmal geschaffen - zu verbreiten. Im Gebrauch kann ihre Bedeutung zunehmen. Ihre Wirkung ist es, im Empfänger, "im Geist des Interpreten" neue, "vielleicht weiter entwickelte" Zeichen zu erzeugen. So kann Peirce sagen: "...every symbol is a living thing." (1903).

Als Zeichen schaffendes Wesen ist für Peirce der Mensch selbst ein Symbol. Insoweit Menschen Ideen gemeinsam haben, können sie dasselbe Symbol sein.

"Mystisch", betont Peirce, sei solches Erleben von Verbundenheit nicht. Mystisch oder mysteriös erschienen solche Beziehungen nur deshalb, weil wir darauf bestehen würden, dem gegenüber blind zu bleiben was offensichtlich sei: Es kann keine Realität geben, die nicht das Leben eines Symbols hat.

Thure hat sein Leben jedenfalls auch als etwas Symbolisches betrachtet, als eine „Geschichte“. Eine Geschichte, die er selbst schrieb.

Thure war es immer wichtig, Autonomie von Autarkie zu unterscheiden. Er wusste, dass Autonomie nur in Verbundenheit gewonnen werden kann.

Liebe Marina, wir haben Dir dafür zu danken, dass Du es Thure mit ermöglicht hast, seine Geschichte zu verfassen und zu Ende zu schreiben.