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Prof. Dr.med. Horst Kächele, Ulm
Department für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Universität Ulm
Der Ulmer Gründungsprofessor Thure von Uexküll feiert am 15.
März in Freiburg seinen fünfundneunzigsten Geburtstag im Kreise
seiner Mitstreiter. Zeitlich passend erschien kürzlich die
sechste Auflage des von ihm initiierten Lehrbuches
"Psychosomatischen Medizin. Dieses umfangreiche
Nachschlagewerk präsentiert repräsentativ die Auffassung einer
bio-psycho-sozialen Medizin, die in alle Bereiche der Medizin
hineinreicht, und die frühere Idee weniger, spezifischer
psychosomatischer Krankheiten überwunden hat. Uexküll hat
vehement vertreten, das eine neue Medizin ein neues Denken
verlangt, welches beim Begriff des Lebendigen ansetzt.
Das Konzept der Bedeutung steht in der Uexküll'schen
Psychosomatik im Mittelpunkt: "Lebewesen interpretieren ihre
Umgebung nach ihrem inneren Zustand als Bühne für ihr
Verhalten" . Wenn man erinnert, dass der Vater, der Biologe
Jacob von Uexkülls, unabhängig von der Peirce´schen Semiotik
eine Zeichenlehre für lebendige Systeme entwickelte, so kann das
nicht überraschen.; Th. von Uexkülls erstes Buch: "Der
Mensch und die Natur." erschienen in Bern 1953, befasst sich
mit diesem Zusammenhang. Es thematisiert die eigentlichen Probleme
der medizinischen Wissenschaft in einer Frage: "Was ist Leben
? Was ist dieses geheimnisvolle X, das mit dem Tode den Körper
verlässt, das sich in Gesundheit und Krankheit, in Geburt,
Kindheit, Jugend und Alter vollzieht? ".
Mit dieser Frage hat sich Thure von Uexküll unermüdlich
beschäftigt. Seine Antwort - vereinfacht - mündet in die
Forderung nach einer "Biologie der Subjekte, die bereits bei
den Zellen ansetzt, aus denen Gewebe und Organe des Organismus
aufgebaut sind. In der "Theorie der Humanmedizin (Uexküll
& Wesiack, 1988; 3. Auflage 1998) wird diese "Biologie
der Subjekte" nach dem Modell des Funktionskreises
ausgeführt. Mit der Einführung der Bedeutung führt die von
Viktor von Weizsäcker erhobene Forderung nach Einführung des
Subjektes in die Medizin ( und Biologie) zum einem
Paradigmawechsel.
Psychosomatische Leiden müssen als Erkrankungen der
individuellen Wirklichkeit beschrieben werden; Körper und diese
unsichtbare, aber sehr reale individuelle Wirklichkeit bilden
gemeinsam zwei Organe eines größeren Organismus, der sich mit
der Umwelt auseinandersetzen muss. Jede Krankheit verändert die
individuelle Wirklichkeit des Kranken; und diese Veränderungen
können für die Pathogenese bedeutsam oder nur reaktiv bedingt
sein. Sie haben in jedem Fall wieder somatische Auswirkungen.
Die von Uexküll'sche Psychosomatik macht Ernst mit dem Ausspruch
von L. von Krehl :" Krankheiten als solche gibt es nicht, wir
kennen nur kranke Menschen. Die 6. Auflage des deutschsprachigen
Handbuches der Psychosomatischen Medizin, von Uexküll und vielen
Fachleuten verfasst, ist nun erschienen. Und wieder plädiert von
Uexküll eindringlich: Die Sache der Medizin ist immer eine
gemeinsame Angelegenheit eines Kranken und eines Arztes. Krankheit
ist immer mehr als ein Betriebsschaden im menschlichen Körper. Ob
dieses Ruf in der zunehmend technisierten Medizin das Gehör
findet, das er verdient, bleibt dahingestellt.
Die vielen psychosomatisch orientierten Ärzte,
Krankenschwestern und Psychologen , die mit dem UEXKÜLL Band
nicht nur ihre Bibliothek mit einem großen, schwergewichtigen
Band füllen, sondern sich bewegen lassen mit dem Anspruch, eine
patienten-orientierte Medizin zu praktizieren, vernehmen in
Dankbarkeit von der unbändigen geistigen Frische des Ulmer
Gründungsprofessors.
Für die Ulmer Medizinstudenten und jungen Ärztinnen und
Ärzte, die die Ulmer Gründungsjahre nur noch vom Hörensagen
kennen, ein gute Anlass, sich den Film anzusehen, den die
Filmemacherin aus der Ulmer Filmschule, Maxi Mainka, damals auf
dem legendären IV-Nord gedreht hat. Dort können sie erleben, wie
das Jubilar und seine Team dem Umgang mit kranken Menschen zu
pflegen wusste. "Wer will krank sein auf der Welt", ein
Film über eine psychosomatische Krankenstation, wird im Hörsaal
in der Medizinischen Klinik zu Beginn des Sommersemesters gezeigt
werden (siehe auch "Video").
Horst Kächele, Ulm
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