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Prof. Dr.med. Peter Joraschky, Dresden
Vorstand des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische
Medizin (DKPM)
Der Vorstand des DKPM gratuliert Thure von Uexküll, der am
15.03.03 seinen 95.Geburtstag feiert. Der ungewöhnliche Jahrestag
legt einen Rückblick nahe, v. Uexküll gibt für diese Betrachtungsebene jedoch noch keinen Anlass, konfrontiert er uns
doch - immer aktuell - mit aufregenden Fragen. Ein Fragender, der
Anstöße gibt und sich einmischt.
Anstöße: Mit seinen wissenschaftstheoretischen Standpunkten
fordert er nicht nur die Psychotherapeutische Medizin heraus,
sondern die spezialisierte Medizin insgesamt. Er hat immer die
Gefahren von reduktionistischen, einseitigen Entwicklungen in der
Medizin gesehen, sei es für eine "Körpermedizin ohne
Seele" oder eine "Psychologie ohne Körper".
Gefahren nicht nur resultierend aus Rigiditäten im
Reduktionismus, verfestigt durch Macht und Kommerzialisierung,
sondern für das Menschenbild in der Medizin insgesamt, konkret
für das Verständnis des leidenden Menschen, für die
Arzt-Patient-Beziehung. Mit der Art und Weise, wie er das Subjekt
Patient einführt, geht er weit über wissenschaftstheoretische
Postulate hinaus, sein Lebenswerk ist erfüllt vom
Konstruktivismus, wie er eine geteilte Realität mit den Patienten
sucht und herstellt. Er ist als Arzt teilnehmendes Subjekt an der
Geschichte der Patienten, in der Sprache und Begegnung immer die
verschiedenen Schichten des Bedeutungsaustausches reflektierend.
Als Wissenschaftler hat er konsequent diese Kommunikationsprozesse
analysiert und Modelle der Deutung entwickelt. In den letzten 10
Jahren hat er die Biosemiotik als integratives Modell für die
Organismus-Umwelt-Interaktion nutzbar gemacht und damit den Bogen
zu den ersten von seinem Vater Jakob von Uexküll dargestellten
semiotischen Prozessen in der Biologie wieder aufgenommen. Auch in
diesen Fähigkeiten zur Kontinuität zeigt sich v. Uexkülls
geniale Integrationsfähigkeit. Diese Integrationsfähigkeit der
Wissenschaften Biologie, Innere Medizin, Psychoanalyse,
Sozialmedizin und Philosophie hat schon - ein anderes Jubiläum -
vor 40 Jahren - mit seinem Buch "Grundfragen der
Psychosomatischen Medizin" (1963) die Herzen der
Medizinstudenten auf der Suche nach einer neuen Heilkunde erreicht
und teils revolutionäre, teils nachdenklich-integrative
Intentionen entzündet. Letztere verkörperten dann mit dem von v.
Uexküll vorgelebtem "langen Atem" die gesunden
Wachstumsbedingungen für das Fach Psychosomatische Medizin.
Einmischungen: 1970 gelang es v. Uexküll, die Fächer
Psychosomatische Medizin, Medizinische Psychologie und Soziologie
in die ärztliche Approbationsordnung einzuführen. 3 Jahre
später - vor 30 Jahren - entwickelte er mit den ersten
Fachkollegen die Idee für ein Deutsches Kollegium für
Psychosomatische Medizin, welches interdisziplinär und offen für
lebendigen wissenschaftlichen Austausch in allen Bereichen der
Medizin sein sollte, eine Plattform für "neugierige
Ärzte". Die erstmals 1979 erschienene "Psychosomatische
Medizin" wurde das Lehrbuch, der Orientierungsrahmen für
integratives Denken in der Medizin, mit der Krankengeschichte im
Mittelpunkt. Schließlich spiegelte es auch die fulminante
Entwicklung von Spezialwissen in der Psychosomatischen Medizin. In
der gerade erschienenen 6. Auflage stellt sich ein 95jähriger
Herausgeber dar, der zusammen mit Wesiack die Auseinandersetzung
mit Peirce in dem wissenschaftstheoretischen Einleitungskapitel
konsequent weiterführt und für die Praxis nutzbar macht.
Als ungewöhnlicher Glücksfall erwies sich der Zeitpunkt der
Etablierung des Faches Psychosomatische Medizin an den
Universitäten, getragen von der Approbationsordnung und
interessierten Studenten. Wenige Jahre später wäre das Fach wohl
im Strudel der Spezialisierung der Universitätsmedizin in einer
Nische für Konsultationspsychiatrie und Psychotherapie gelandet.
Den kalten Wind der Technisierung und Spezialisierung bekam v.
Uexküll selbst bei seiner Emeritierung zu spüren, als die Ära
des Reduktionismus begann. Eine ähnliche Entwicklung befürchtete
er für die Psychosomatik durch die Einführung des Facharztes
für Psychotherapeutische Medizin. Als integratives Gegengewicht
gründete er die Akademie für Integrative Medizin, in der die
Analyse der Arzt-Patient-Beziehung, die reflektierte Kasuistik
einen fruchtbaren Nährboden fand. Auf diesem Nährboden wuchs
auch die für die Versorgungsmedizin so relevante psychosomatische
Grundversorgung zu einer stattlichen Pflanze heran. Die
befürchtete Spaltung der Psychosomatik durch die Spezialisierung
trat nicht ein. Im Gegenteil bedurfte gerade die hochtechnisierte
Medizin (z. B. Transplantationsmedizin) angesichts der
existentiellen Gratwanderung ihrer Patienten immer mehr der
Psychosomatischen Medizin. So stellt sich heute im Sinne einer
Figur-Grund-Beziehung spezialisiertes und generalisiertes Denken
in der Psychosomatischen Medizin als Ergänzungsreihe dar. Für
die vielen Aufgabenfelder, Forschungsansätze und
Herausforderungen aktueller Medizin, nicht zuletzt für die
endlich gesetzlich verankerte patientenorientierte Ausbildung
heutiger Medizinstudenten, hat v. Uexküll die Türen geöffnet.
Aber vor allem auch für die Freude, Arzt zu sein, als sinnliche,
selbstreflexive, aufregende Tätigkeit. Otte (2001) hat in seinem
hervorragenden Buch über Th. v. Uexküll, in dem die Geschichte
der deutschen Psychosomatik plastisch wird, v. Uexküll das
Geheimnis kreativen Alterns entlockt. "Ich hatte ein Problem,
und ich habe es immer noch. Das hat mich jung gehalten!" Wir
wünschen Thure von Uexküll weitere Probleme.
Peter Joraschky
Literatur: Otte, R.: Thure von Uexküll. Von der Psychosomatik
zur Integrierten Medizin. Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen,
2001.
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