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Dr.med. Werner Geigges, Glottertal
Reha-Klinik Glotterbad
Im Namen der AIM gratulieren wir Ihm zu seinem 95. Geburtstag
ganz herzlich und danken Ihm für sein lebenslanges,
unermüdliches Engagement für eine Integrierte Medizin. Lassen
Sie mich aus meiner subjektiven Sicht einige Worte des Dankes und
der Würdigung sagen:
Thure von Uexküll ist in erster Linie Visionär: Allen
Widerständen, vor allem aus den Reihen der Hochschulmedizin und
allen Schwierigkeiten einer umfassenden theoretischen Fundierung
einer Integrierten Medizin, setzte er stets die Utopie
einer Nicht-dualistischen Humanmedizin entgegen: "Wir
verknüpfen mit dem Begriff Utopie gewöhnlich die Vorstellung von
etwas Wirklichkeitsfremden. Um die Undurchführbarkeit eines Plans
oder eines Vorschlags zu unterstreichen, sagen wir, sie seien
utopisch. Damit verdecken wir aber den Inhalt des Begriffs; denn
Utopie und Wirklichkeit definieren und - was noch wichtiger ist -
korrigieren sich gegenseitig. Da diese Wechselwirkung die Welt
verändert, haben sie eine gemeinsame Geschichte, in deren Verlauf
Utopien wirklichkeitsnäher und Wirklichkeiten utopischnäher
werden können." (Thure von Uexküll 2003) Sein Denken
zeichnet sich durch eine umfassende philosophische Fundierung aus,
die uns Mitdenkenden immer wieder von neuem herausfordert.
Gleichzeitig findet sich ein großes kreatives Potential im
Verknüpfen unterschiedlichster Denk- und Forschungsstrategien.
Seine originelle Rezeption des Konstruktivismus, der Systemtheorie
und der Semiotik wird uns noch für Jahre Stoff zu
Diskussionen und Auseinandersetzungen liefern.
Die Abstraktheit seiner Modelle und Begriffe wird begreifbar
durch Thures große Fähigkeit des Be-Bilderns dieser Ideen:
Sprachbilder, wie die vom "Beziehungsmantel und den
Beziehungsfäden" als Teil unserer subjektiven Wirklichkeit
und das Bild des Dualismus einer "Medizin für seelenlose
Körper und einer Psychologie für körperlose Seelen", sowie
die Metapher von der Baumsäge als Ausdruck einer Arzt-
Patienten-Interaktion - bilden so etwas wie Grundsteine unserer
gemeinsamen Wirklichkeit in der AIM. Für Thure müssen sich die
theoretischen Modelle einer Humanmedizin als verlässliche
Landkarten stets in der konkreten medizinischen Praxis bewähren
und verändern sich als lernendes Modell durch neue Fragen,
die sich aus der Praxis ergeben (Reflektierte Kasuistik -
weitergedacht!). Thure ist und war sich des Risikos seines
Denkens stets bewusst, die Gründung der ersten Freiburger
Regionalgruppe der AIM trug den provokanten Titel
"Revolutionäre Zelle": "Mit dem Entschluss, die
psychosomatische Betrachtungsweise in die Medizin einzuführen,
handelt sich jeder Arzt und bereits jeder Student Schwierigkeiten
ein, die es nötig machen, dass er sich frühzeitig klar wird,
wofür er sie auf sich nimmt. Hier ist die Einsicht entscheidend,
dass es nicht nur um eine mehr oder weiniger abstrakte
Verantwortung für "die Medizin", sondern auch um die
sehr konkrete Verantwortung für sich selbst geht, für die
Entwicklung der eigenen individuellen Wirklichkeit und der
Fähigkeit, gemeinsame Wirklichkeiten aufzubauen, in denen der
Arzt mit Kranken kommunizieren kann". (von Uexküll
2003).
Zwei Aspekte, die Thures kreativen Gestaltungsprozess stets
anregten, sind seine Kunst der Begegnung und seine
Fähigkeit des Genießens; Resignation und Verbitterung
sind ihm gänzlich fremd. Durch seine Kunst der Begegnung, meist
eingebettet in eine große Gastfreundschaft und Herzlichkeit, wird
das gemeinsame Denken und Sprechen stets ein Prozess der
Co-Kreation neuer Ideen. In diesem Klima sind viele Projekte,
Pläne und Konzepte der AIM in den letzen Jahren entstanden.
Wir würden uns sehr freuen, wenn Thure auch als 95-jähriger
in diesem Jahr bei unserer Modellwerkstatt in Bad Mergentheim und
unserer Jahrestagung in Glottertal dabei sein könnte und
wünschen Ihm vor allem Gesundheit und Freude an der täglichen
Arbeit in seiner Freiburger Denkwerkstatt.
Werner Geigges, Glottertal
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