Für Thure von Uexküll

zum 95. Geburtstag

   
             
 
 
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Danksagung von Herrn von Uexküll

Geburtstage stellen Jubilare mit zunehmendem Alter vor immer schwerer zu lösende Aufgaben: In der Jugend verfügt man über Phantasie, um sich für die seltenen Glückwünsche geziemend zu bedanken.

Proportional mit den Jahren wächst die Zahl der Glückwünsche, mit dem physiologischen Alters-Abbau der Hirnzellen schrumpft aber die Phantasie. Wenn man die Lebensleiter jedes Jahr eine Stufe weiterklettert, dann wird die Luft dünner und Schwindel zeigt einem, wie wichtig die Konstruktion der Leiter ist, auf der man seine Kletterkünste wagt. Wird endlich die Spitze der Alters-Pyramide erreicht, sind die Glückwünsche kaum noch zu zählen.

Jetzt aber - wo Phantasie am nötigsten wäre - setzt das verbliebene Neuronen-Potential dem Jubilar immer engere Grenzen sogar für primitivste Dankes-Formen. In dieser Situation bitte ich, mein "Rezept zum Altwerden" als meinen Dank zu akzeptieren:

 

 

Rp. 

Wie konstruiert man eine passende Wirklichkeit?

 

Um 95 Jahre alt zu werden, muss man sich als Leiter eine Wirklichkeit konstruieren, die 95 Jahre lang passt. 

Es ist kein Geheimnis, dass dafür Jogging ebenso wenig funktioniert wie Walking, der Freizeitsport für gesetzterer Jahrgänge. Auch der Rat, zur Vermeidung des vorzeitigen Alzheimers die trägen Hirnzellen mit Skat-Spielen und dem Raten von Kreuzworträtseln zu trainieren, ist nur in Grenzen hilfreich. 

Statt dessen ist zweierlei nötig: einmal seine individuelle Wirklichkeit so zu konstruieren, dass sie Stress und Ärger in Grenzen halten kann - und zweitens - nie zu versuchen, die eigene Wirklichkeit anderen aufzudrängen oder zu einer kollektiven Wirklichkeit aufzublähen. 

Die Vorstellung, Menschen könnten sich dauerhaft auf eine kollektive Wirklichkeit einigen, beruht auf Realitätsverkennung: Sie ignoriert die Tatsache, dass wir Universitäten brauchen, um an der Vorstellung einer für alle verbindlichen oder "objektiven" Wirklichkeit zu basteln, (dabei aber ständig unvereinbare Wirklichkeiten produzieren), dass politische Parteien nötig sind, um gemeinsame Wirklichkeiten auszuhandeln und dass Armeen von Diplomaten versuchen müssen, die Völker daran zu hindern, sich ihrer verschiedenen Wirklichkeiten wegen umzubringen. 

Angesichts dieser Erfahrungen sind wir in wechselnden Gruppen der Frage nachgegangen, wie Wirklichkeiten biologisch, psychologisch und sozial konstruiert werden. Die Ergebnisse dieser Arbeiten sind in der sechsten Auflage unseres "Schwerbuchs" (Gewicht etwa 2,5 kg) auf 1564 Seiten zusammengetragen. 

Darin wird die These vertreten, dass "die Seele" in dem Gehirnabschnitt sitzt, der für den Körper und dessen Inhaber eine Wirklichkeit konstruiert, in der er sich orientieren und seine Bedürfnisse einigermaßen befriedigen kann, und dass sie (die Seele) dafür die Zeichen benutzt, die unsere Augen und Ohren empfangen. 

Das klingt sehr abgehoben und theoretisch. Mit Recht werdet Ihr jetzt fragen: "Wie macht die Seele das?" Wie konstruiert sie aus den chaotischen, unhygienischen und oft genug lebensgefährlichen Ereignissen unserer Welt eine Wirklichkeit, in der wir überleben, und 95 Jahre alt werden können? 

Glücklicherweise hat ein genialer Dichter dieses Rezept verraten: Er lässt seinen Helden Palmström in einer Situation konkretester Gefahr für Leib und Leben eine Wirklichkeit konstruieren, in der er - ohne Gefahr für ein posttraumatisches Belastungs-Syndrom - weiterleben kann:

 

 

Palmström, etwas schon in Jahren
< wenn auch noch nicht 95 >
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

Wie war (spricht er, sich erhebend 
und entschlossen weiterlebend)
möglich, wie dies Unglück ja -:
dass es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Drift?

 

Oder war vielmehr verboten
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im Klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Jetzt, der konstruktivistische
Befreiungsschlag:
Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil - so schließt er messerscharf;
nicht sein kann, was nicht sein darf.

 

Thure von Uexküll, Freiburg im Mai 2003